Unterwegs zur Freundschaft
Freunde sein, das heißt: sich nahe sein. Freunde sein, heißt aber auch: sich fern sein. Freundschaft ist die Erfahrung eines engen Zusammenlebens, das immer auch diskontinuierlich, virtuell und offen ist. Freundschaften sind Orte der Intimität und Anwesenheit, die sich im sozialen Raum durch Exteriorität und Abwesenheit erfüllen.
Kann die Freundschaft die Grundlage einer kommenden Gemeinschaft sein? Seit Aristoteles stellt sich in der Geschichte der Philosophie die Frage nach einem möglichen Zusammenhang von freundschaftlichem Zusammenleben und politischer Gemeinschaft. Beruhen Freundschaften auf Ähnlichkeit und Reziprozität? Was sind wahre Freundschaften, was sind gesellschaftliche Maskenspiele? Kann das freundschaftliche Zusammenleben auch im Zeichen der Differenz und Diskontinuität stehen? Ist Freundschaft möglich als eine Gemeinschaft der Einzelnen, als Widerstreit und Überschreitung, als eine Gemeinschaft ohne Gemeinschaft?
Freundschaft ist mehr als ein philosophischer Begriff, sie ist auch eine Praktik der Zeichen. Deswegen ist die Frage nach der Freundschaft auch eine Frage der Literaturwissenschaft. Wie kann man über den Freund sprechen? Ist Freundschaft eine gegenseitige Transparenz der Herzen, die durch die Zeichen der Sprache verstellt wird? Ist Freundschaft weniger ein Sein denn ein Werden, eine Fluidität und Heterogenität von vielfachen Relationen, die in einer subjektlosen écriture und im Schweigen zum Ausdruck kommen? Ist sie eine emotionale Intensität, die in der Distanz der Zeit als Differenzierung, als Diskontinuität und serielle Wiederkehr erfahrbar wird?
Am Horizont all dieser Fragen öffnet sich das Ereignis der Freundschaft. Der Fragende, der nach der Möglichkeit der Freundschaft fragt, ist unterwegs zur Freundschaft. Neben der langen Tradition des Nachdenkens über die Freundschaft, die von Platon, Aristoteles und Augustinus bis hin zu Nietzsche, Blanchot, Derrida und Deleuze reicht, steht Montaignes Erfahrung, dass aus dem Text des Freundes eine wahre Freundschaft erwachsen kann, dass der Text der Ursprung der kommenden Freundschaft ist: acheminant cette amitié.