Der Blick des Freundes

Die Begegnung mit dem Gegenüber stellt mich vor eine dreifache Handlungsoption: Ich kann in ihm den Fremden erkennen und die wahrgenommenen Unterschiede als Bedrohung lesen; die notwendige Folge dieser Betrachtungsweise scheint der Krieg zu sein. Ich kann mich selbst jedoch auch dem Fremden gegenüber unverwundbar machen, indem ich mich abschotte und mit inneren und äußeren Mauern entweder meine oder seine fremde Identität ghettoisiere. Anzunehmen, die Welt zerfalle nicht in solche insularen Identitätszellen, die sich voneinander abstoßen, setzt jedoch voraus, dass ich in den Mauern Türen und Tore öffne, um den Anderen einzuladen, ihm in seiner Fremde und in meiner Heimat eine Heimstatt zu bieten und mich auf seine Menschlichkeit einzulassen. In der Menschheitsgeschichte stellen diese drei Handlungsoptionen eine sukzessive Entwicklung innerhalb des zivilisatorischen Prozesses dar. Heute findet sich jeder Einzelne in einen globalen Verantwortungszusammenhang eingestellt: Seine Befähigung zu ethischem Empfinden ermöglicht es ihm, noch im Fremden den Freund nicht nur zu vermuten, sondern auch immer wieder zu finden.

Wer ist nun in den Fotografien Jürgen Eschers der Fremde? Auch hier gilt das Prinzip einer jeden Begegnung: Betrachter und Betrachteter sind dem jeweils anderen zunächst ein Fremder. Doch bedingt die Präsenz des Bildes nicht sogar, dass ihr Betrachter unweigerlich zum Objekt eines Blicks wird, der ihm aus den Bildern entgegenleuchtet? Das exotische Kolorit, das Nebeneinander von dargestellter Armut und ästhetischem Ausdruckswert lösen dabei allenfalls das aus, was Roland Barthes das studium nennt – einen durchschnittlichen Affekt, welcher sich mit moralischen und politischen Kategorien abgleicht: Ja, es handelt sich um Schauplätze in der Dritten Welt; ja, es geht um humanitäre Projekte; ja, die Bilder formulieren in der Ersten Welt einen komplexen Appell zum richtigen Handeln, der jedoch deshalb so diffus ist, weil der Begriff des Richtigen sich heutzutage vielfach relativiert hat. Und doch treten diese Dimensionen in den Hintergrund angesichts der Begegnung von Mensch zu Mensch, welche die Fotografien Eschers erlauben. Der Blick des Anderen, des Fremden ist es, welcher wie ein Pfeil aus seinem Zusammenhang hervor[schießt], um mich zu durchbohren (Barthes, 35). Bei Escher wandelt sich die Kamera nicht wie andere Kommunikationsapparate unserer technisierten Wirklichkeit zu einem Medium der Distanz, sondern sie stellt Nähe dergestalt her, dass der Blick der Kamera zum Blick des Freundes wird, der den Blick des Anderen als den Blick des Freundes einfängt. Diese Nähe bewirkt bei Escher nicht, wie Walter Benjamin dies einmal bemerkte, die Verdinglichung des Gegenstandes, sie eröffnet vielmehr einen Dialog, in welchem Freunde sich als solche erkennen.



Jürgen Escher (*1953 in Herford) studierte Fotografie bei Jörg Boström an der Fachhochschule Bielefeld und ist seit vielen Jahren als Fotojournalist und Designer für Organisationen, Verlage und Redaktionen tätig. 1989 wurde er in die Deutsche Fotografische Akademie e. V. (DFA) berufen. Seine Reportagen mit der Hilfsorganisation Cap Anamur, seine Fotografiezyklen zu gesellschaftlichen Randgruppen und Minoritäten suchen stets aufs Neue die Begegnung mit dem Gegenüber und sind getragen von großem ethischem Bewusstsein. In einer Vielzahl von Publikationen – als schmale Auswahl genannt seien hier lediglich die Bände Lebenhelfen (2005), Hautnah. Berührungen mit Menschen im Herzen Afrikas (2004) sowie Humanitäre Radikalität (1988) genannt – und durch viele Einzelausstellungen wurde sein Werk bisher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Quellen:
Roland Barthes: La chambre claire. Notes sur la photographie, Paris 1980, dt.: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, übers. von Dietrich Leube, Frankfurt a. M. 1989.
Ryszard Kapuscinski: Der Andere, Frankfurt a. M. 2008.
Susan Sontag: Über Fotografie, Frankfurt a. M. 1980.

Der Blick des Freundes


Ausstellung mit Fotografien von Jürgen Escher, vom 23. September bis zum 20. Oktober 2010 im Kultur- und Begegnungszentrum Abtei Neumünster.
Vernissage am 23. September um 19 Uhr. Der Künstler ist anwesend.